Risiko Terrorismus
Nach den jüngsten Ereignissen in Norwegen stellt sich wieder einmal die Frage, wie ernst das Risiko von Terrorismus hierzulande zu nehmen ist. Dabei ist es wenig hilfreich, in Hysterie zu verfallen. Vielmehr lohnt es sich, das Risiko sachlich und differenziert zu analysieren.
von Dietmar Borst
Im Nachgang des 11. September 2001 wurde am Katastrophenforschungsinstitut eine Arbeitsgruppe eingerichtet, welche sich unter anderem mit der Abschätzung des objektiven Terrorismusrisikos in Deutschland beschäftigen sollte. Deren Erkenntnisse bilden die Grundlage des vorliegenden Artikels. Als grundsätzliche Herangehensweise wird der naturwissenschaftlich-technische Ansatz der Risikoforschung verwendet. Dieser versteht Risiken als (negative) Auswirkungen entsprechender Ereignisse auf die Gesellschaft durch die Zerstörung von menschlichem Leben und Gesundheit, durch wirtschaftliche Schäden an Hab und Gut, Infrastruktur und Existenzgrundlagen sowie Schäden für die Umwelt. Zur Ermittlung des Risikos müssen das Schadenausmaß bestimmter Ereignisse und ihre Eintrittswahrscheinlichkeit abgeschätzt werden. Das Risiko ist von drei Einflussgrößen abhängig. Erstens der Gefährdung – wie häufig muss an einem Ort mit einer bestimmten Ereignisstärke (= Intensität) als Auslöser der Schäden gerechnet werden. Zweitens ist die Exposure zu betrachten, also all jene Werte, welche einer Gefährdung ausgesetzt sind. Findet ein Ereignis an einem Ort statt, an dem wenige Werte betroffen sind, ist das Risiko gering. Als drittes ist die Vulnerabilität der Werte bedeutsam, also die Verwundbarkeit, welche sie gegenüber Ereignissen einer bestimmten Gefährdung aufweist. Bei dieser grundsätzlichen, dreiteiligen Risikomodellierung ergibt sich aus der Tatsache, dass terroristische Ereignisse nicht durch natürliche Prozesse entstehen, sondern durch absichtsvoll agierende Täter herbeigeführt werden, was ein gewisser Anpassungsbedarf ist.
Die Gefährdung aus einem Terroranschlag wird von den Charakteristika eines Angriffsszenarios bestimmt: Ein Anschlag eines Einzeltäters mit seinen beschränkten Ressourcen im Bezug auf die finanzielle, technische und logistische Ausstattung ist in seiner Intensität geringer einzuschätzen als ein koordiniertes Ereignis, welches von Terrororganisationen wie al-Qaida geplant und durchgeführt wird. Dagegen ist die Häufigkeit kleiner Attacken deutlich höher einzuschätzen als die besonders folgenreicher Ereignisse. So kommt es im Irak täglich zu „kleinen“ Terrorakten, während Anschläge von globaler Bedeutung wie in New York oder Mumbai deutlich seltener verübt werden. Als Angriffsszenarien kommen grundsätzlich die Gesamtheit aller denkbaren (insbesondere auch in der Vergangenheit nicht für vorstellbar gehaltenen) Anschläge in Betracht. Für eine Einschätzung, wie realistisch einzelne Szenarien sind, werden ihnen vor dem Hintergrund historischer Fälle bestimmte Täterprofile zugeordnet. Täter unterscheiden sich neben der erwähnten Ressourcenausstattung insbesondere durch ihre Motivation für die Anschläge, wobei oftmals religiöse, ethnische und ideologische Hintergründe unterschieden werden. Um beantworten zu können, mit welchen Arten von Angreifern an einem bestimmten Ort, also zum Beispiel auf deutschem Boden, gerechnet werden muss, gilt es sich intensiv mit den dort prägenden Faktoren auf die Urheber solcher Attacken auseinanderzusetzen. Dabei müssen Erkenntnisse aus Psychologie, Soziologie und Kulturwissenschaft einbezogen werden, um zu verstehen, wie ein Mensch aus seinem Umfeld heraus zu einem Terroristen wird, wie zum Beispiel die demokratische Gesellschaft Norwegens wie jüngst einen fundamentalistischen Massenmörder hervorbringt. Zudem bedarf es nachrichtendienstlicher Informationen, um abzuschätzen, inwieweit an einem bestimmten Ort mit „zugereisten“ Tätern gerechnet werden muss. Zur Gefährdungsmodellierung können Expertenworkshops durchgeführt werden, die anlassbezogen, wie zum Beispiel im Kontext (einer Serie) von Großveranstaltungen aus Sport, Kultur und Politik (Fußballweltmeisterschaft, Weltausstellung, G7-Gipfel o.ä.) durchgeführt werden und in denen vor dem Hintergrund möglicher Täterprofile die Plausibilität verschiedener Angriffsszenarien verglichen wird. Was die Exposure angeht, so ist zunächst festzuhalten, dass die Zielsetzung der Täter grundsätzlich politisch ausgerichtet ist, dass ihr Verhalten also darauf abzielt, gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen. Die Gesellschaft als solche ist somit der terroristischen Bedrohung ausgesetzt. Dazu gehören die Menschen und ihre Lebensgrundlagen sowie private und öffentliche Infrastruktur, Werte, Normen und Institutionen. Bedeutsam sind zudem gesellschaftliche Funktionen wie solche der Ökonomie, die die Versorgung der Bevölkerung ermöglichen. Grundsätzlich sind alle Elemente der vorangegangenen Aufzählung bedroht, je nach Zielsetzung der Täter. Die Zusammensetzung der Exposure ist dabei räumlich und zeitlich differenziert zu betrachten: Wo viele Menschen konzentriert auf engem Raum zusammenleben wie in Städten, macht die Bevölkerung einen großen Anteil daran aus. In wirtschaftlichen Zentren besteht ferner eine hohe Dichte an materiellen Werten und ökonomischen Verflechtungen, wogegen in ländlichen Regionen der Anteil an bedrohten natürlichen Ressourcen dominiert. Zudem kann es Orte geben, in denen besonders viele Objekte vorhanden sind, die gesellschaftliche Werte und Normen repräsentieren, zum Beispiel Regierungsgebäude oder Kulturgüter. Der Bedarf an zeitlicher Differenzierung mag daran verdeutlicht werden, dass sich Menschen im Verlauf eines Tages o. an verschiedenen Orten befinden – tagsüber an ihren Arbeitsstätten, nachts hingegen eher zu Hause. Die Erfüllung gesellschaftlicher Funktionen unterliegt ebenfalls zeitlichen Schwankungen. Beispiele dafür sind der unterschiedliche Bedarf an Energie oder Verkehrsdienstleistungen während verschiedener Tageszeiten. Die Exposuremodellierung erfolgt durch das systematische Sammeln, Speichern und Verwerten von Daten zu potentiellen Angriffszielen, insbesondere zu deren räumlichen Verteilung. Daten zur (zeitlich differenzierten) Bevölkerungsverteilung werden dabei ebenso verwendet wie zu bedeutenden ökonomischen Objekten (Banken, Börsen oder Wolkenkratzern), gesellschaftlichen Versorgungseinrichtungen (Öl-, Gas -, Strom-, Wasserversorgungs-, IT- und Verkehrsnetze, Krankenhäuser) und Funktionen (z.B. Parlamente, Gerichte, Botschaftsgebäude, Kasernen, Kulturgüter) oder Freizeiteinrichtungen (unter anderem Freizeitparks, Veranstaltungsorte, bedeutende Sportstätten). Als Ergebnis der Modellierung entstehen Karten wie die von Risikoelementen in Berlin (vgl. Abbildung 1).
Bei der Betrachtung der Vulnerabilität sollten mehrerlei Aspekte unterschieden werden. Einerseits stellt sich die Frage, wie anfällig bestimmte Werte und Funktionen gegenüber den Angriffsszenarien mit den eingesetzten Waffen grundsätzlich sind, wobei auch Vorbereitungen zur Abwehr der Anschläge erheblich sind: Die Opferzahl bei einem Schusswaffenangriff eines Einzeltäters auf unbewaffnete Jugendliche auf einer Insel wird höher ausfallen als bei einem gleichartigen Angriff auf bewaffnete Armeespezialkräfte. Die Terroristen, welche die Flugzeuge ins World Trade Center steuerten, hatten mehr Erfolg als ihre Mittäter, welche ein Flugzeug nach Washington D.C. lenken wollten, aber durch die vorgewarnten Insassen der Maschine daran gehindert werden konnten. Andererseits wählen Terroristen ihre Ziele so, dass sie zum beabsichtigten Zweck des Anschlages vor dem Hintergrund ihrer Ideologie passen. Um Angst und Schrecken zu verbreiten, werden besonders grausame Anschläge auf „weiche“ Ziele wie zum Beispiel mit Splitterbomben auf einem belebten Marktplatz verübt. Steht hingegen das staatliche System im Fokus wie in Deutschland zu Zeiten der RAF, so ist besonders die Vulnerabilität von gesellschaftlichen Funktionsträgern hoch. Noch ein weiterer Aspekt ist bedeutend für die Vulnerabilität einzelner Objekte – vielfach ist sie nicht voneinander unabhängig. So leidet die Nachfrage an Versicherungsschutz für Unternehmen in Deutschland gegen Terrorismus unter anderem daran, dass viele sich nicht als bedroht einschätzen, weil andere Objekte (größere, bekanntere Unternehmen derselben Branche) als Angriffsziele gewähnt werden. Dementgegen müssen solche Objekte als vulnerabel gelten, deren „Konkurrenzobjekte“ höhere Sicherheitsvorkehrungen aufweisen und schwieriger zu attackieren sind. Zusammenhänge bestehen auch zwischen verschiedenartigen Objekten: Wer sich in der Nähe eines oder gar mehrerer stark bedrohter Objekte aufhält, ist selbst einem höheren Risiko ausgesetzt als fernab davon. Umgesetzt wird die Vulnerabilitätsmodellierung unter anderem mithilfe von Methoden der Spieltheorie, welche zur Auflösung des Spannungsfelds von Angriffs- und Verteidigungsmaßnahmen beitragen können. Ferner kann der Zusammenhang zwischen angegriffenen Objekten und Terrormotiven expertenbasiert mithilfe von Indikatorsystemen überprüft werden, wobei die Gewichtung an den jeweiligen Kontext angepasst wird. Am Ende dieses Prozesses stehen Vulnerabilitätskarten (siehe Abbildung 2), die die ideologische Attraktivität von Botschaftsgebäuden für Attentäter vor dem Hintergrund nationaler Spezifika (Bevölkerungszahl, religiöse Konflikte, politische Bündnisse, Volkseinkommen) des vertretenen Staates darstellt und so das Risiko in der Umgebung der Botschaftsgebäude widerspiegelt.
Zurück zur Ausgabe "KT 43: Mehr Risiko!"
Herausgeber
fuks e.V. - Geschäftsbereich Karlsruher Transfer
Waldhornstraße 27, 76131 Karlsruhe
Telefon +49 (0) 721 38 42 313
transfer@fuks.org
Urheberrecht:
Alle Rechte vorbehalten. Die Beiträge sind urheberrechtlich geschützt. Vervielfältigungen jeglicher Art sind nur mit Genehmigung der Redaktion und der Autoren statthaft. Namentlich gekennzeichnete Artikel geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wider. Der Karlsruher Transfer erscheint einmal pro Semester und kann von Interessenten kostenlos bezogen werden.



